Wieviel Kompromiss ist die Karriere wert?

Handshake als Symbol für einen Kompromiss

Wenn wir das Wort Kompromiss hören, dann wird wohl der Einen oder dem Anderen ganz unwohl. Sofort tauchen Bilder der vergangenen Monate auf. Berichte von Streitigkeiten in der Regierung und zwischen Parteien füllten da die Schlagzeilen. Die Einigungen, auf die man sich dann verständigt hat, werden von vielen als faule Kompromisse gesehen. Wie sinnvoll sind vor diesem Hintergrund Kompromisse überhaupt?

Durch die Art und Weise, wie sich die Politik in den letzten Monaten verhalten hat, wird einem schlechten Image von Kompromissen nur Vorschub geleistet. Dabei sind Kompromisse per se ja nichts Schlimmes. Jeden Tag gehen wir alle mehrmals einen Kompromiss ein – egal ob nun im beruflichen oder auch im privaten Umfeld. Die Entscheidung, was nun am Abend für die ganze Familie zum Essen gekocht wird, mündet letztlich genauso in einem Kompromiss, wie die unterschiedlichen Ideen zum Neubau-Projekt in einem Planungsbüro.

Grundsätzlich geht es bei einem Kompromiss ja um die Überlegung, wie unterschiedliche Sichtweisen, Meinungen, Lebensentwürfe oder auch Glaubensvorstellungen miteinander so in Verbindung gebracht werden können, dass man handlungsfähig bleibt. Das hohe Ziel dabei ist, die beteiligten Parteien vor dem Gefühl zu bewahren, als müssten sie sich oder ihre Vorstellungen komplett aufgeben. Dass das manchmal gar nicht so einfach ist, kennen wir sicher auch schon aus unserem Alltag. Da müssen wir gar nicht erst den Blick auf die Politik richten. Wie entscheiden Sie, ob nun „Bio“ eingekauft wird oder nicht, wie „öko-fair“ geht es bei Ihnen auf der Arbeit zu usw. Als wäre das Ringen in einer Sachfrage nicht schon schwierig genug, kommt noch eine weitere Komponente hinzu: persönliche Befindlichkeiten. Da spielt dann zum Beispiel die Sympathie für mein Gegenüber eine größere Rolle als ihre oder seine Argumente.

Das Ringen mit sich selbst

Aber auch wenn die Auseinandersetzung ausschließlich in uns selbst stattfindet, ist das Finden eines guten Kompromisses kein Selbstläufer. Was tun wir beispielsweise, wenn das berufliche Vorankommen scheinbar nur auf Kosten der persönlichen Wertvorstellungen möglich ist? Als Selbstständiger musste ich mich hin und wieder schon mit der Frage auseinandersetzen, ob ich einen Auftrag annehme, der meinen Wertvorstellungen nun gar nicht entspricht. Ich bin froh und dankbar, dass die Auftragslage so ist, dass ich auch mal Nein sagen kann.

Aber wie sieht es aus, wenn ich darauf angewiesen bin? Mein Mitarbeiter will am Monatsende ja immerhin sein Gehalt bekommen. Kann es da einen „guten“ Kompromiss geben? Und wie finde ich ihn? Der Weg durch die eigenen Instanzen ist nicht einfach. Er erfordert ein hohes Maß an Selbstreflektion und die Fähigkeit, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Gerade wenn es um unsere eigenen Bedürfnisse geht, geraten wir schnell in Gefahr, uns „passende“ Erklärungsmodelle zurecht zu legen. Ist die Verpflichtung meinem Mitarbeiter gegenüber nicht ein zwingender Grund, den Auftrag des Wettbüros für eine Smartphone-App anzunehmen? Oder schaue ich als Mitarbeiter beim Autohersteller XY lieber woanders hin, wenn die Software für die Brennstoffzufuhr beim Auto großzügig „angepasst“ wird, als meinen Job zu riskieren?

Freunde und Gebet

Hilfreich bei diesem inneren Gang durch die Instanzen sind mir oft meine Freunde. Gerade, wenn sie eine andere Meinung haben als ich selbst, können sie mir helfen, „schrägen“ Erklärungsmodellen auf die Schliche zu kommen. Das unterstützt mich dabei, meinem inneren Wertekompass die richtige Priorität einzuräumen. Aber auch das Ruhigwerden vor Gott, das Gebet, hilft mir oft bei der Kompromisssuche. Und wenn ich es dabei sogar noch schaffe, offen für ganz neue Überlegungen zu sein, werde ich manchmal direkt überrascht. Ein Kompromiss muss ja nun nicht unbedingt bedeuten, dass beide „Parteien“ etwas aufgeben müssen. Manchmal ergibt sich ja aus dem Gespräch zweier unterschiedlicher Standpunkte ein neuer dritter, der viel besser ist als jeder der beiden einzelnen.

Stellen Sie sich mal vor, der Boss eines Autoherstellers hätte öffentlich bekannt, dass die Nutzung bestimmter Software falsch gewesen wäre, und versprochen, das alle betroffenen Autos eine kostenlose Hardwarenachrüstung erhielten, um den Schadstoffausstoß zu reduzieren. Darüber hinaus werde auch bei allen neu herzustellenden Fahrzeugen gleich auf korrekte Software und ausgefeilte Hardware geachtet. Wäre das nicht ein Verkaufsargument, das toll bei den Verbrauchern und Verbraucherinnen ankäme? Wäre durch den zu erwartenden größeren Absatz solcher umweltverträglicher Fahrzeuge der Umwelt nicht genauso geholfen wie den Aktionären?

Wenn alles nichts hilft

Aber manchmal fühlt sich ein Kompromiss einfach nur falsch an, weil wir niemandem damit wirklich gerecht werden. Weder uns selbst und beispielsweise unserem christlichen Wertekompass, noch unserem Gegenüber, beispielsweise in der Gestalt eines auf die Rendite fixierten Arbeitgebers.

Da bleibt uns nichts anderes übrig, als uns für eine „Seite“ zu entscheiden und die Folgen zu ertragen. Sei es, dass wir dem Chef folgen und innerlich leiden, weil wir wider besseres Wissen gehandelt haben. Oder aber, dass wir unseren Urlaub streichen müssen, weil wir unseren Job verloren haben und uns nun das Geld fehlt. Der Blick auf Jesus Christus kann uns eine Hilfe sein, sich engagiert für den eigenen Wertekompass einzusetzen: nach guten Kompromissen zu suchen und faule abzulehnen. Er, Jesus, hat deutlich gezeigt, dass es für ihn keinen Kompromiss gab, als es darum ging, für seine Überzeugung einzutreten. Gott sei Dank geht es bei den Entscheidungen, die wir zu treffen haben und den Kompromissen, die dazu nötig sind, nicht gleich immer um Leben oder Tod.

Stehen Sie gerade vor einer schwierigen Entscheidung und wissen nicht, wie ein guter Kompromiss aussehen könnte? Dann prüfen Sie doch mal, ob die Folgen wirklich so dramatisch sind, wenn Sie einfach an dem festhalten, was Ihnen wichtig ist? Und ob das gute Gefühl, sich treu geblieben zu sein, die möglichen Nachteile nicht aufwiegt. Wenn schon leiden, dann doch lieber für die richtige Sache, oder?

Bildnachweis: geralt, pixabay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

14 − 10 =