Werden, der ich bin

Also mal ganz ehrlich, 15 oder 16 Jahre alt möchte ich heute wirklich nicht mehr sein. In meiner Jugend gab es zwei Fernsehprogramme und das Radio, und zum Kennenlernen ging man in die Disco. Das war‘s dann aber auch schon. Die Landschaft der politischen Parteien war überschaubar, und das religiöse Angebot bestand für mich aus Evangelisch oder Katholisch. Heute scheint es mir sehr viel schwerer zu, sein, als junger Menschden eigenen Weg zu finden.

Wie sieht die Welt für die Jugendlichen denn heute aus? Wir leben in einer hochtechnisierten Gesellschaft und werden mit Informationen überflutet. Ohne Dating-Agentur scheint keine Partnerschaft mehr zustande zu kommen. Das Zusammenleben in unserem Land scheint auch nicht einfacher zu werden. In Deutschland kann nicht wirklich davon gesprochen werden, dass wir alle einen gemeinsamen gesellschaftlichen Konsens haben. Zu heftig prallen da manchmal die kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Sichtweisen aufeinander. Der Blick über die deutschen Grenzen hinaus macht die Sache nicht wirklich besser. Nationalismus greift um sich, ebenso Separatismus. Gewalttätiger Machterhalt geht vor Wohlstand für alle. Und Staatenführer scheinen nicht wirklich mehr als Vorbild zu taugen.

Und da sollen sich Jugendliche zurechtfinden? In solch einem Chaos, sollen sie für sich selbst entdecken, wer sie sind, wer sie sein wollen und wohin die Reise in ihrem Leben gehen soll?

Wer will ich sein?

Aber sind es tatsächlich nur die Jugendlichen, die auf der Suche sind? Ähnliche Fragen stelle ich mir ja heute noch mit Mitte 50! Bin ich eigentlich der, der ich sein will? Das ist die Frage. Und sie ist gar nicht so einfach zu beantworten. Da muss ich nämlich anfangen, richtig tief bei mir zu buddeln. Erst einmal diese ganzen Träumereien von »Mein Haus, mein Job, mein Garten« beiseite räumen, denn die haben nicht unbedingt etwas damit zu tun, wer ich sein will. Habe ich das getan, merke ich, dass ich erst einmal eine ganz andere Frage stellen muss, bevor ich mich daran wagen kann, nach dem zu schauen, wer ich sein will. Nämlich: Wer bin ich denn eigentlich?

Um hier weiterzukommen, wende ich gern einen Trick an: Ich werfe einen Blick in die Bibel und schaue, wie es den Menschen ging, die darin vorkommen. Da fällt mir zum Beispiel eine Geschichte aus dem Neuen Testament ins Auge (Lukas 17,11-19): Jesus wandert gerade auf seinen Weg nach Jerusalem durch ein Gebiet, das zwischen Samarien und Galiläa liegt, als er auf zehn Aussätzige trifft. Sie rufen ihn an und bitten ihn, dass er ihnen hilft. Und Jesus macht sie tatsächlich gesund. Von den zehn kehrt allerdings nur einer, ein Ausländer, zurück zu Jesus und bedankte sich ganz überschwänglich bei ihm. Erstaunt fragte Jesus, wo denn die anderen seien, die er gesundgemacht hat? Und schickt ihn dann mit den Worten weiter: »Dein Glaube hat dir geholfen.«

Fragen, die ich mir stelle

Aus dieser kurzen Geschichte leiten sich für mich ein paar ganz existentielle Fragen ab: Wen bitte ich um Hilfe, wenn es mir mal richtig schlecht geht? Wem vertraue ich? Kann ich Hilfe ohne Garantien überhaupt annehmen? Wie sieht es mit meiner Dankbarkeit aus? Bin ich so dankbar, wie ich sein möchte, oder gehe ich mit Wertschätzung und Anerkennung zu sparsam um?

Solche Begebenheiten wie diese im Lukas-Evangelium gibt es viele im Neuen Testament der Bibel. Jesus begegnet immer wieder Menschen, die auf der Suche sind. Da gibt es eine kranke Frau, die sich an Jesus heranschleicht und geheilt wird, als sie ihn berührt. Da ist die untreue Frau, die Jesus vor der Todesstrafe rettet. Da ist der reiche Mann, der Jesus fragt, was er tun muss, um in den Himmel zu kommen.

In diesen und vielen anderen Geschichten entdecke ich Fragen, die auch in meinem Leben eine Rolle spielen. Und bei der Suche nach Antworten finde ich heraus, wer ich bin – und wer ich eigentlich sein will. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass ich mir selbst gegenüber ehrlich bin. Dass ich mir meine eigenen Schwächen eingestehen kann und meine Stärken richtig einschätze.

Offene Ohren für die Jugend

Für mich wird die Bibel immer mehr zum Instrument der Selbstreflexion. Aber wie kann ich diese »Lebensweisheit« auch an junge Leute vermitteln?

Es hilft sicher wenig, den Jugendlichen die Bibel in die Hand zu drücken und ihnen zu sagen: Schau in dieses alte Buch rein, da stehen alle Antworten drin! Denn so einfach ist es ja nun auch wieder nicht – und wenn ich an meine eigene Jugendzeit denke, weiß ich noch, wie das bei mir angekommen wäre: wie eine Art Abschiebung nämlich. Nein, viel besser scheint mir, ein offenes und unvoreingenommenes Ohr für die Fragen der jungen Leute zu haben, meine Fragen, Hoffnungen und Zweifel mit ihnen zu teilen und mit ihnen gemeinsam nach Vorbildern zu suchen. Denn letztlich begleitet die Frage, wie wir die werden, die wir sein wollen, doch unser ganzes Leben. Und die beste Methode, immer wieder eine gute Spur zu finden, ist für mich, dass ich mit anderen darüber rede.

Gelassenheit schenkt mir dabei die Gewissheit, dass Gott in uns schon immer die sieht, die wir sein können. Das erlebten die Menschen, die Jesus begegneten. Und das gilt bis heute: Für Sie, für mich, für alle Menschen, seien sie alt oder jung. Gott sieht, wer ich sein kann und will mich auf dem Weg dahin begleiten. Deshalb ist es gut, den Kontakt mit ihm nicht zu verlieren.

Foto: ollivves, pixabay.com

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