Wenn sich der Nebel lichtet

Wenn sich der Nebel lichtet.Uupps, beinahe wäre er gestürzt. Die Holzstufen glänzen vor Nässe und Sebastian kann nur vorsichtig eine Stufe nach der anderen nehmen, um nicht auszurutschen.

Doch bald wird er es geschafft haben, den 99 Meter hohen Drachenberg zu ersteigen, der im Grunewald in Berlin liegt. Er ist der kleine Bruder des Teufelsbergs, der mit seinen 120 Metern Höhe vor allem dadurch bekannt wurde, weil auf ihm während der deutschen Teilung der Horchposten der Alliierten gestanden hat.

Doch sehen kann Sebastian die zusehends verfallenden Gebäude der Amerikaner nicht. Die Sicht beträgt im Moment wohl nicht mehr als fünf Meter. So dicht ist der Nebel geworden.

Nicht die Hand vor Augen

»Geschafft«. Er hat die letzten Stufen der Treppe erreicht, die den steilen Hang hinaufführt und eine der beiden Möglichkeiten ist, das Plateau des Drachenbergs zu erreichen. Nun hat er nur noch Gras unter seinen Schuhen. Ohne inne zu halten setzt Sebastian einen Fuß vor den anderen und entfernt sich damit immer weiter von der Treppe und seinem einzigen Orientierungspunkt. Die Sicht hat noch einmal nachgelassen und er weiß nun wirklich nicht mehr wohin ihn seine Schritte führen. Trotz der Mittagszeit lässt der Nebel nur diffuses Licht zu.

Irgendwann bleibt Sebastian stehen. Nur sein Schnauben durch den anstrengenden Aufstieg kann er im Moment hören und in der Ferne das leise Rauschen der Heerstraße, eine wichtige Verbindung aus der Stadt hinaus nach Brandenburg. Sein Atem wird langsam ruhiger und da spürt er sie wieder. Die Müdigkeit, die sich in den letzten Tagen immer stärker bemerkbar gemacht hat und ihn regelmäßig im Herbst überfällt.

Eigentlich will er sie nicht spüren und doch zieht sie ihn in seinen Bann und umfasst ihn immer stärker. Er will dann genau an dieser Stelle sein, an der er gerade steht. Die Augen weit aufgerissen und doch nichts sehen können. Mit den Ohren lauschen und doch nur den eigenen Atem hören. Und auf der Haut nichts weiter spüren als die Feuchtigkeit des Nebels. Einfach da stehen, im Nichts.

Die Schwester der Müdigkeit

Dann bekommt die Müdigkeit noch eine Schwester: die Traurigkeit. Sie lässt sich nicht erklären, denn Sebastian hat alles was er braucht – Arbeit, Wohnung, Freunde. Und, würde er nicht wiederkehren aus diesem Nichts, es gäbe etliche, die ihn sehr vermissen würden.

Doch das sind Gedanken, die Sebastian gerade nicht kommen. Die er im Moment wohl auch nur einfach beiseiteschieben würde. Wichtig ist jetzt nur das Nichts, indem er gerade selbst immer kleiner wird und am Ende wohl ebenfalls nichts mehr ist. Wenn er im Nichts verschwindet, dann ist da auch keine Müdigkeit mehr und keine Traurigkeit.

Die Zeit verrinnt

Was war das? Mit weit aufgerissen Augen starrt Sebastian in den Nebel. Hat sich da etwas bewegt oder fangen seine Sinne nur an ihm etwas vorzugaukeln? Doch so sehr er sich auch anstrengt, er kann nur die unterschiedlich dicken Schwaden des Nebels erkennen, wie sie langsam an ihm vorbei ziehen, um dann mit dem Nichts zu verschmelzen.

Doch da ist es schon wieder und diesmal konnte er es deutlicher wahrnehmen. Es war wie ein kleiner Blitz, der schräg über ihn aufleuchtete. Sein Blick wandert umher, ob der Blitz auch noch an anderer Stelle erscheint und kehrt dann wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Täuscht er sich oder scheint das diffuse Licht an dieser Stelle heller zu werden? Er hat den Eindruck, als würden die Nebelschwaden von dieser Stelle weggedrängt, einfach beiseitegeschoben.

Und jetzt ist er sich dessen auch sicher. Es wird wirklich heller über ihm. Ein kreisrunder Fleck entsteht, der immer heller anfängt zu leuchten und direkt aus der Mitte scheint ein einzelner Lichtstrahl geradewegs ihn zu treffen. Er blendet ihn und rasch dreht Sebastian seinen Kopf beiseite.

»Es ist nichts Übernatürliches, was da gerade passiert«, denkt er sich. Und doch scheint er plötzlich wieder in einer ganz anderen Welt zu sein. Das Nichts ist verschwunden. Eine aufgeregte Spannung haben die Müdigkeit und die Traurigkeit verdrängt. Was vorher so bleiern und schwer auf seiner Seele lastete, haben die Lichtstrahlen einfach verwandeln können. So mächtig ist das Licht. Eine Liedzeile geht Sebastian durch den Kopf: »Christus, das Licht der Welt: welch ein Grund zur Freude!«

Ja, Freude ist es, die Traurigkeit und Müdigkeit vertreibt. Freude, die sich nicht an äußeren Umständen festmacht, sondern die in uns gelegt wurde, von jemand anderem. Von jemanden, der uns alle erschaffen hat und dem wir viel bedeuten, von Gott. Von jenem Gott, der in Jesus Christus Mensch wurde und der am Kreuz sterbend all das Übel der Menschen auf sich nahm.

Der Weg zurück

Sebastian dreht sich langsam um die eigene Achse. Immer deutlicher und weiter kann er nun den Boden unter seinen Füßen wieder sehen. Der Nebel lichtet sich ebenso, wie die Feuchtigkeit auf seiner Haut trocknet. Mit einem leichten Erschrecken erkennt er, dass er nicht weit von der Stelle entfernt ist, an der es steil hinab geht. War er so nah dran gewesen, da hinabzustürzen? Nicht, dass es tödlich gewesen wäre, aber verletzt hätte er sich allemal.

Er blickt weiter um sich und kann nun auch wieder das Geländer der Treppe entdecken, die er hinauf gekommen ist. Langsam setzt er einen Schritt vor den anderen und geht den Weg zurück. Erst zögernd und dann immer zuversichtlicher steigt er die Treppenstufen wieder herunter. Müdigkeit und Traurigkeit sind von ihm abgefallen. »Danke, Gott« denkt Sebastian, »Danke, Gott, für dein Licht in meinem Leben.«

Foto: Ralf Würtz, gotoralf.de

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