Bis ans Ende der Welt


Die Boeing 747 beschleunigt immer schneller. Als die Maschine nach schier endlosen Metern des Anlaufs abhebt und steil in den Himmel steigt, wird Peter noch fester in seinen Sitz gepresst. »Endlich bin ich frei«, denkt er sich.

Mit dem Start fühlt sich Peter so, als falle alles von ihm ab. Die letzten Monate, in denen so viel passiert ist. Erst die Trennung von seiner Frau wegen seines lächerlichen Fehltritts und dann noch die Kündigung der Arbeitsstelle. »Dabei hätte der Fehler auch jedem anderen passieren können«, murmelt er leise vor sich hin. Die Freunde hielten ihm vor, sich unmöglich zu benehmen. Immer mehr verstärkte sich bei ihm der Gedanke, als wenn sich alle und alles gegen ihn verschworen hätten.

Doch all das fällt nun ab von seinen Schultern, von seiner Seele. Es sind nur noch etwas mehr als 30 Stunden, bis er in Auckland, Neuseeland, landet und ein neues Leben beginnen kann. Ein neuer Peter wird neue Freunde, eine neue Liebe und neue Arbeit finden und alles wird gut.

Neun Monate später

Peter sitzt wieder in einem Flieger. Diesmal geht es aber nicht in ein neues Leben, sondern zurück in seine alte Heimat. Er ist – schon wieder – gescheitert. »Dabei habe ich mir doch alles so schön ausgemalt«, sagt er sich. Doch die Realität hat ihn bald nach seiner Ankunft in Neuseeland eingeholt.

Mit der fremden Sprache tat er sich schwer und mit den neuen Kollegen. Ohne Frage, sie waren alle nett und freundlich und an ihm interessiert. Doch warm werden konnte er mit ihnen trotzdem nicht. Irgendwie fand er nie zur richtigen Zeit die richtigen Worte. Die Distanz vergrößerte sich mehr und mehr. Schließlich gaben die Kollegen es auf, sich um ihn zu bemühen. Um ihn, den sonderbaren Deutschen. Auch mit einer Freundin wollte es nicht so recht klappen. Dabei konnte er doch einiges vorweisen. Ein Haus mit Pool und ein schickes Auto zum Beispiel. Er hatte gutes Geld verdient. Doch das schien die Frauen nicht sehr zu beeindrucken. So blieb er meist allein in seinem ansehnlichen Anwesen und zog sich immer mehr zurück.

Nur langsam dämmerte es bei ihm, dass es auch an ihm selber liegen könnte, dass die Dinge nicht so liefen, wie er es sich vorgestellt hatte. Seine Erwartung an sich, möglichst unabhängig zu bleiben, stand dem Wunsch entgegen, Nähe zu anderen zuzulassen. In der Realität schuf das eine Distanz zwischen Peter und seinen Kollegen und zwischen ihm und den Frauen, die er kennenlernte.

Ein Bibelwort kommt wieder hoch

Ein Bibelvers aus seiner Konfirmandenzeit war ihm in den letzten Wochen immer öfter durch den Kopf gegangen: »Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.« Er hatte also doch nicht alles hinter sich gelassen, als er Deutschland verließ. Er hatte Erinnerungen mitgenommen. Und ihm wurde jetzt immer schmerzlicher bewusst: er hatte sich selbst mitgenommen. Vor beidem kann man schlecht fliehen.

Jetzt tauchten die Erinnerungen wieder auf. Wie ein Fingerzeig aus ferner Vergangenheit. Früher war er oft mit Gott im Gespräch gewesen. Es tat ihm gut, sich an jemanden wenden zu können, dem er all das anvertrauen konnte, was er niemand anderem zu sagen wagte. Bei Gott konnte er über seine Ängste reden und über das, was ihn am Elternhaus alles belastet hatte. Der Streit der Eltern, der immer heftiger wurde, bis es nur noch Sprachlosigkeit gab und schließlich die Trennung; damals war er zwölf Jahre alt. Und der Bruch mit seinen älteren Geschwistern, die genauso wenig mit der Trennung der Eltern umgehen konnten wie er. Peter war bei seinem Vater geblieben, die beiden zwei und drei Jahre älteren Geschwister gingen mit der Mutter. Oft hatte er das bereut. Der Vater war genauso wenig greifbar wie vorher. So war Peter mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Reden konnte er mit seinem Vater nicht.

Der Konfirmanden-Unterricht in der örtlichen Gemeinde war da wie das Eintauchen in eine andere Welt. Der Pfarrer hatte immer neue Ideen, wie die gemeinsamen Nachmittage gestaltet werden konnten und die Gespräche berührten seine Seele. So lernte er jemanden kennen, mit dem er über alles reden konnte, was ihn bewegte – Gott.

Diese Gespräche, die Gebete taten ihm gut. Hatte es in der Schule einige Zeit lang gekriselt, weil er aggressiv und unkonzentriert war, konnte er sich jetzt wieder mehr auf das ausrichten, was ihm immer wichtiger wurde. Ein guter Schulabschluss mit Ausblick auf einen der wenigen Ausbildungsplätze in dem bekannten Software-Unternehmen. Er wollte so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen können. Und er schaffte es. Die Unterschrift auf dem Ausbildungsvertrag war kaum trocken, da packte er seine Sachen und zog vom Vater weg zu Freunden in eine Wohngemeinschaft. Seine Ausbilder waren zufrieden mit ihm und lobten seine Intelligenz und Einsatzbereitschaft.

Mit dem beruflichen Erfolg kamen die Zufriedenheit und die Erwartung, dass es immer so weiter gehen würde. Immer seltener suchte er das Gespräch mit Gott. Bis es schließlich ganz einschlief. Nach der Ausbildung verließ er die WG und nahm sich eine eigene Wohnung. Da er nicht alleine wohnen wollte, zog seine Freundin gleich mit ein. Die baldige Hochzeit war Formsache, immerhin galt es Steuern zu sparen. Liebe war für ihn weniger im Spiel, mehr der Gedanke, das Gewohnte nicht zu verlieren.

»Ich habe nicht aufgehört wegzulaufen«, erkennt Peter in fast 12 Kilometern Höhe über dem australischen »Outback«. Wie der eigene Vater ist er geworden! Mit wenig wirklichem Interesse an anderen Menschen. Immer auf der Suche danach, möglichst unabhängig zu sein und damit scheinbar unverletzlich. Doch der Preis dafür ist hoch, das wird Peter immer schmerzlicher bewusst. Er hatte seine Mitmenschlichkeit verloren, das echte Interesse am anderen. Frau und Freunde hielt er nur solange aus, wie sie seinem Bedürfnis nach Unabhängigkeit nicht im Weg standen. Doch seine Unabhängigkeit hatte einen Preis: Einsamkeit.

»Das ändert sich jetzt«, da ist sich Peter sicher. Er will nicht länger weglaufen. Und als erstes will er wieder das Gespräch mit Gott suchen. Er betet: »Herr, hab Dank, dass deine Hand mich selbst am äußersten Meer führt und deine Rechte mich hält.«

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